Die AfD lädt ein zum Bürger-Dialog in Springen…

… und wir sind mit 10 Netzwerkern dabei. Am Security-Personal kommen wir locker vorbei – heute sind wir natürlich ohne unsere „Netzwerk-Buttons“ unterwegs. Angekommen in der Halle werden wir von EU-, Bundestags- und Landtags- Abgeordneten per Handschlag begrüßt und freundlich eingeladen zu Getränken und Häppchen.

Alles sehr familiär hier, einige haben ihre schicken Partnerinnen dabei. Man kennt sich untereinander, lacht und scherzt, es herrscht eine ausgesprochen gute Stimmung. Aber bereits die Eröffnungstiraden lassen das Blut in unseren Adern gefrieren: Der Satz „Draußen steht eine Oma gegen rechts und demonstriert gegen uns…“ wird von einem hämischen Grinsen begleitet. Das Gedicht „Von drauß vom Walde komm ich her…“ wird umgetextet und extrem feindlich gegen Ausländer, Grüne und Linke vorgetragen – wir haben große Mühe, die Fassung zu bewahren und unseren Gesichtsausdruck „neutral“ zu halten… Von einigen wird johlend Beifall geklatscht. Und spätestens hier kann man erkennen, welche „Gesinnungen“ im gut gefüllten Saal vertreten sind. Wir halten uns beim Klatschen raus. Zum Glück hatten wir uns verteilt in die Reihen gesetzt, sonst wären wir schnell als „die Anderen“ aufgefallen.

Es wird aufgerufen zu Fragen und Beiträgen aus dem Publikum: Wo drückt der Schuh, was wollen die Menschen loswerden? Auch hier fällt es uns schwer, die Wortbeiträge einiger Gäste und die Antworten des Podiums still und mit regungsloser Mine auszuhalten. Dann kommt meine Frage, was man denn tun könne gegen die schlechte Versorgung alter Menschen, den Personalmangel in den Heimen und bei den Pflegediensten. Als Gründe dafür nenne ich u.a. den Mangel an kostengünstigem Wohnraum, z. B. in Bad Schwalbach und den unzureichenden öffentlichen Personennahverkehr, der das Personal zeitlich nicht passend zu Beginn und Ende der Schichtzeiten befördert. Eine teure Wohnung und ein Auto können sich in der Pflege Arbeitende ja oft nicht leisten.

Einer der im Anzug gekleideten, eloquenten Herren auf dem Podium lobt mich für diese Frage mit der „umfassenden Problemerkennung“ und lädt mich spontan ein: „Solche Menschen wie Sie brauchen wir, werden Sie doch Mitglied bei uns!“ Ich lehne das mit Hinweis auf meine vielen Ehrenämter freundlich ab. In seiner Antwort erkennt er noch die schlechte Bezahlung der Pflegekräfte als ein Problem, geht dann aber hauptsächlich auf die Wohnungsnot ein: Wären hier weniger Ausländer, gäbe es genügend Wohnraum. Wer dann noch in der Pflege arbeiten würde, erklärt er leider nicht.

Als wir die im Vorfeld groß angekündigte Veranstaltung verlassen können wir kaum fassen, was wir gerade erlebt haben. Unser Entsetzen, was und wie einiges gesagt wurde, ist extrem groß. Fast ein wenig traumatisiert sind wir durch die nächsten Tage gegangen. Ich empfehle trotzdem jedem, sich eine solche Veranstaltung einmal anzutun. 

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