Netzwerk informiert sich über politische Bildung an unserer größten Schule
„Es geschah noch vor der zweiten Amtszeit von Donald Trump: Da lag er sich mit Elon Musk in den Armen, bei uns, auf der Theaterbühne!“. Kirsten Klug erzählt diese Geschichte gerne, sie leitet die Nikolaus-August-Otto-Schule in Bad Schwalbach. Dabei lächelt sie leicht verschmitzt und freut sich über diesen weitsichtigen Coup der Theater AG – irgendwie hatten es die jungen Schauspielenden im Blut, dass sich da was anbahnt zwischen den beiden wohl mächtigsten Männern der Welt. Doch wie hängen Politik und Wirtschaft zusammen? Welche Konsequenzen hat das aktuelle politische Handeln, das derzeit die Welt in Atem hält?

Im kleinen Kreis haben wir uns Freitagmittag getroffen: Jessika Großmann, für den politischen Unterricht (demokratische Bildung) in der NAOS zuständig. Kirsten Klug, die Schulleiterin für insgesamt 1400 jungen Menschen und ein stattliches Kollegium, Monika Steinmeir und Thomas Weinert (Autor) vom Netzwerk für Demokratie und Vielfalt Bad Schwalbach. Kirsten Klug hatte als eine der ersten Bürgerinnen und Bürger unser Leitbild als Unterstützerin unterschrieben, vor zwei Jahren im Kurhaus, bei der „Gründung“ unseres Netzwerks. Nun lädt sie uns ein, um über politische Bildung in ihrer Schule ins Gespräch zu kommen: Wie könnte eine Zusammenarbeit zwischen einer der größten Schulen im Kreis und dem Netzwerk für Demokratie gestaltet werden?
Eine im wahrsten Wortsinn schöne Idee, das Grundgesetz mit Leben zu füllen, empfängt uns bereits im Eingangsbereich: Artikel 5, Absatz 1, GG, steht da in fröhlichen Farben geschrieben, keiner kann es übersehen: Der Text zur Meinungsfreiheit in Deutschland, abgeleitet die Freiheit der Presse und das Verbot staatlicher Zensur. „Jedes Jahr wählen sich die Schülerinnen und Schüler einen Artikel aus unserer Verfassung aus“, sagt Jessika Großmann, die Politiklehrerin. „Und wir hängen uns diesen Artikel an die Wand, damit wir ihn vor Augen haben.“ Die entsprechende Arbeitsgemeinschaft heißt „Schule in guter Verfassung!“ Ein schönes Geschenk der Schule zum 75. Geburtstag des Grundgesetzes.
Doch auch das, was schlecht lief in der deutschen Vergangenheit, das wird deutlich gesehen an der NAOS. Bisweilen werden Hakenkreuze an der Schule entdeckt. Frau Klug meldet solche Fälle direkt der zuständigen Behörde.An dieser Stelle des Gesprächs bekommt das Gesicht von Kirsten Klug die eher typischen Züge einer Schul-Direktorin. Sie sorgt sich um die Schülerinnen und Schüler der NAOS und um den Zustand unserer Gesellschaft, „das eine ist nicht selten das Abbild des anderen.“ Schließlich ist unser Gesprächstermin auch deswegen angesetzt worden, weil Kirsten Klug davon erfahren hatte, wie Vertreter der AfD auf der jüngsten Parteiveranstaltung in Geisenheim u.a. die NAOS als regionalen Rekrutierungsort für den Parteinachwuchs rühmte. „Damit stehen wir nicht alleine im Kreis, demokratiegefährdendes Gedankengut hat auch Einfluss auf die Jugend und hier mit guter politischer Bildung gegenzusteuern, das ist die Aufgabe einer Schule.“
Und so landet das Gespräch bei Demokratiekonferenzen, bei in der Förderstufe in Rahmen eines Politikprojektes zeitweise gegründeten eigenen Parteien, um u. a. interne Wahlen zu simulieren. Es gab ein Theaterstück zu Fluchterfahrungen und die Zusammenarbeit mit Demokratie Leben, einer Initiative der Bundesregierung: „Pimp up my Landkreis!“ Die großen Themen Migration und Integration bis hin zur politischen Realität in einer ländlichen Kommune, sie stehen nicht nur auf dem Lehrplan. Wer will und Interesse hat, der kann an der NAOS mehr machen zur Entwicklung von Demokratie und Gesellschaft. „Aber zwingen können wir hier niemanden“, wirft Jessika Großmann ein. „Und wenn ich wüsste, dass jemand von rechtsextremem Gedankengut nicht mehr wegzubringen ist, dann würde ich denjenigen auch nicht mit in eine Gedenkstätte des Nationalsozialismus nehmen, um mir später widerliche Sprüche im Gästebuch anzusehen! Da ist es meine Aufgabe als Lehrkraft, mit dem Rest der Klasse über Nationalsozialismus zu diskutieren und dafür zu sorgen, dass die Schülerinnen und Schüler verstehen, wie wertvoll es ist, in einer Demokratie zu leben.“
Monika verabschiedet sich mit Angeboten zum Argumentationstraining und Gewaltprävention, die sie vermitteln könnte oder Infoveranstaltungen im Kontext Religion und Integration. Außerdem bieten Aktive aus dem Netzwerk an Klassenfahrten zu begleiten zu Holocaust-Gedenkstätten oder anderen politischen Events. Und diese Fahrten dann auch gerne mit zu finanzieren. Es gibt viele Themen, mit denen unser Demokratie-Netzwerk mit der NAOS in Verbindung bleiben kann.

Ich freue mich zum Schluss unseres Gesprächs an einem Aushang am Schwarzen Brett der NAOS und schmunzele vor mich hin: So viel Selbst-Ironie hätte ich mir einst auch gewünscht an meiner Schule. Zu Zeiten, als Helmut Schmidt sagte, wer Visionen habe, der müsse zum Arzt.
